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Nichts überstürzen

Wer geht schon gern ohne ersichtlichen Grund zum Arzt? Diese Frage stellen sich viele. Man fühlt sich gut, da kann zusätzlicher Sport erst recht nicht schaden. Jetzt schnell die Laufschuhe schnüren und endlich die ehrgeizigen Ziele umsetzen. Aber Vorsicht: gerade nach langer sportlicher Abstinenz sollte man sein Hobby nicht überstürzt angehen. Einige Fragen und Antworten.

Von Dr. Wolfgang Rädel

Warum brauchen wir Bewegung?

Es ist unumstritten, dass körperliche Aktivität einen hohen Stellenwert in unserer Freizeitgestaltung hat. Sie trägt bedeutend zur Erhaltung unserer Fitness bei und bringt uns – wenn wir wollen – mit Gleichgesinnten zusammen.

Zur Prophylaxe von Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und der Lunge, bei Diabetes mellitus und bei Osteoporose liegen gesicherte Studienergebnisse über den positiven Effekt der körperlichen Aktivität vor. Unsere Muskulatur und die Gelenke sind auf Bewegung programmiert und benötigen den Bewegungsreiz, um ihre Funktion lange zu erhalten und uns vor dem vorzeitigen Verschleiß zu schützen. Natürlich ist das Maß an Aktivität, welches wir uns zumuten oder gönnen, sehr unterschiedlich. Vom Extremsportler bis zum Sportmuffel habe ich schon viele Menschen untersucht und beraten.

Es ist wie mit der Ernährung; man braucht sie, sonst geht nichts. Zuviel ist ungesund und das falsche Programm- beim Essen und beim Sport – macht nicht glücklich, manchmal sogar krank. Nicht erkannte Herzerkrankungen können bei plötzlicher Belastung zu Kreislaufschwächen bis zum völligen Kreislaufzusammenbruch führen. Im orthopädischen Bereich treten oft Gelenk- und Rückenschmerzen auf, wenn nach längerer Pause wieder gejoggt oder aufs Rad gestiegen wird. Aber damit ist nicht gleich ein Sportverbot verbunden. Eine gute individuelle Beratung macht es möglich, auch dann Sport zu treiben, wenn nicht alles 100%ig in Ordnung ist.

Wer sollte zu einer sportärztlichen Untersuchung?

Ein besonderes Risiko tragen Neu- und Wiedereinsteiger, die mehr als fünf Jahre nicht aktiv waren. Generell wird eine Untersuchung in jeder Altersgruppe empfohlen, vom Kind bis zum Senior. Auf jeden Fall sollte jeder, der eine bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung, Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht oder Rücken- und Gelenkbeschwerden hat, eine Untersuchung durchführen lassen.

Bei der Vorsorgeuntersuchung können Schäden an den Gelenken, Fehlstellungen der Beine und Verkürzungen der Muskulatur und Sehnen erkannt werden. Dadurch kann der Arzt die sportliche Belastbarkeit einschätzen und auch über die Eignung für bestimmte Sportarten beraten. Das hilft, Verletzungen zu vermeiden und die angestrebte Leistungsfähigkeit zu erreichen.

Was wird bei einer Vorsorgeuntersuchung gemacht?

Seit Jahren haben sich die Gesellschaft für Sportmedizin (DGSP), Sportärzteverbände, Krankenkassen und Leistungszentren für eine Standardisierung dieser Untersuchung eingesetzt. Je nach angestrebter sportlicher Leistung und dem individuellen Risikoprofil wurden Untersuchungsmodule festgelegt. Sie bestehen aus einer Basis- und individuellen Zusatzuntersuchungen.

Am Beginn wird der Sportler zu seiner Eigen – und Familienkrankengeschichte (Anamnese) befragt. Dieser Fragebogen wird dann durch spezielle Fragen des Arztes ergänzt. Anschließend erfolgt eine eingehende körperliche Untersuchung praktisch von Kopf bis Fuß. Es wird die Haltung des Körpers beurteilt und die Beweglichkeit der Gelenke, der Wirbelsäule und der Muskulatur gemessen. Ein weiterer wichtiger Teil ist die Untersuchung von Augen, Ohren, Geruch und Geschmack. Durch Prüfen der neurologischen Reflexe an Armen und Beinen sowie des Gefühlsempfindens werden Erkrankungen des Nervensystems ausgeschlossen.

Was sind die nächsten Schritte?

Die Herztöne werden im Liegen und Stehen abgehört und der Blutdruck gemessen. Lunge, Brustkorb und Bauch werden untersucht. Größe und Gewicht werden bestimmt und daraus der sog. BMI (Body-Mass-Index) bestimmt. Dieser zeigt, ob ein Normal – oder Übergewicht vorliegt.

Ein Ruhe-EKG gehört bei allen Sporttreibenden über 35 Jahren zum Allgemeincheck dazu. Je nach angestrebtem Leistungsziel, z.B. Marathon, Triathlon, wird sogar noch Jüngeren zum EKG geraten. Ein Belastungs-EKG ist bei angestrebter intensiverer Sportbelastung bzw. Auffälligkeiten im Ruhe-EKG erforderlich. Bei Normabweichungen kann auch eine Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echocardiogramm) erforderlich werden. Für Risikogruppen wie Raucher, nach längeren Erkrankungen oder auch im höheren Lebensalter werden solche Zusatzuntersuchungen empfohlen.

Ein Lungenfunktionstest (Spirometrie) gibt Aufschluss über die Leistungsfähigkeit der Atmung. Gelenkerkrankungen können durch Ultraschalluntersuchung oder eine Röntgenaufnahme gesichert werden. Der Test dauert insgesamt ca. 45 – 60 Minuten.

Wie viel kostet eine Vorsorgeuntersuchung?

Eine Basisuntersuchung kostet ca. 70 Euro. Werden Zusatzuntersuchungen durchgeführt, kommen – abhängig vom Aufwand – ca. 150 Euro zusammen. Alle Untersuchungen und Behandlungen, die wegen festgestellter Erkrankungen notwendig sind, werden von der Krankenkasse getragen und natürlich vom Sportarzt eingeleitet.

Sehr erfreulich ist die Tendenz, dass zunehmend Krankenkassen bereit sind, bis zu 80% der Kosten der Vorsorgeuntersuchung zu übernehmen. Voraussetzung ist, dass die Untersuchung von einem Arzt/Ärztin mit Zusatzqualifikation „Sportmedizin“ durchgeführt wird. Als Eigenbeteiligung bleiben dann meist nur zwischen 15 und 30 Euro übrig.

Dem Sportler gibt es die Sicherheit, dass er sich einem gründlichen Gesundheitscheck unterzogen hat. Er bekommt eine Beratung über seine individuelle Belastbarkeit und das Risiko bei bestimmten Sport- und Wettkampfarten. Eine Entscheidung und Investition, die sich in jeder Hinsicht lohnt!


Erschienen in den Ruhrnachrichten, Juni 2013. (Klicken Sie hier [376 KB] , um den Original-Artikel anzuzeigen)